der Berg

Material: Holz geölt
Dimension: H 75cm, B 80cm
Über die Berge
Ein Sportgelände vor einem blauem Himmel, eine Gegend, die wir durchqueren und ermessen können, eine Naturkulisse, die Wahrnehmung und Geist tröstet – diese Vorstellung verbindet sich heute für viele mit dem Begriff eines Berges. An dieser Zweckbestimmtheit gemessen, mutet der Berg ziemlich profan an, beinahe wie ein stilistisches Werbephänomen, das man als Möglichkeit wählen oder ablehnen kann.
In kulturhistorischer Betrachtung sind es die vorgefundenen Eigenschaften und Abläufe in der Natur, die die Menschheit in einem Modell- Zeichen- und Deutungssystem verwandelte. Als wuchernde Konstruktionen prägen sie seitdem unsere Lebensverhältnisse. Mit dem Rückgang der Religionen schwindet die unmittelbar symbolische Identifikation. Jedoch entstand mit der Umwandlung des Naturraumes in einen Kulturraum ein Eigenleben, das geradezu triebhaft Sinnsuche betreibt. Eine Suche, die das Individuum in die unzähligen Möglichkeiten seiner Existenz begleitet. Unser Raum ist und bleibt voller Stilblüten der Einbildung, welche subversiv und über die Kanäle des Unbewussten das einmal Erfahrene kombiniert und immer wieder neu an die Oberfläche drängt. Anders gesagt: Unsere Vorstellung des Berges besteht aus schlummernden Variablen und Konstanten, welche zur Reaktivierung neuer Bedeutungsverbände bereit stehen.
Der Berg erlangte seine archaische Bedeutung über die Monumentalität. Das Monumentale stellt massenhaft Materie bereit, die als beeinflussendes Phänomen erfahren wurde in ihren Aspekten der Verdichtung und Entladung, des Wachstums und der Ausrichtung, der Erregung und der Gleichheit, wie wir bei Canetti lesen. Das Gegenstück zur Masse ist die Oberfläche, dessen Komplexität anregt, sie nach Sinn und Geschmack auszulegen. Beide Definitionen sind in einer extremen Form in der Vorstellung des Berges vereint. Die bizarre Erhebung aus der Horizontalen hat sich als Zeichen eingeprägt. Als überbordende Erscheinung und schlichtweg größter Baustein der Landschaft wirft der Topos das Potential einer ganzen Welt auf. Erscheint eine Raumordnung anzuführen, denn allein seine Größe bewahrt Gestalt im Auf und Ab, im Gewimmel des Gegenständlichen. Wer seine Dimension versucht zu erfasssen, spürt ungeheuerliches, weil eine klare Vorstellung unmöglich ist. Der Berg wirkt übermächtig und zugleich ist eine innerliche Größe und Erhabenheit spürbar, ausgelöst durch den Eindruck des unbeschadeten Erlebens.
Für die Ureinwohner Nord- und Südamerikas, Afrikas und Australiens ist der Berg der Wohnort der Götter. Die Buddhisten kennen neben den vielen von Göttinnen bewohnten Himalajagipfeln vor allem den heiligsten Berg Kailash, zu dem auch die Hindus und die Anhänger der tibetischen Bön-Religion pilgern. Die ehemals zentrale Stellung in den Glaubensvorstellungen wird begreiflich vor der Ohnmacht und dem Abhängigkeitsgefühl undurchsichtiger und plötzlich einbrechender Ereignisse. In einem zürnenden Gott, der sich an einem letztmöglich vorstellbaren Ort aufhält, fand man eine Erklärung. Das letztmögliche Orte auch Schauplätze übernatürlicher Vorgänge sind, ist nur eine Weiterführung der Logik. Christus wurde auf einem Berg vom Teufel verführt und fand am Ölberg die Kraft für seinen Opfertod. Moses erhielt auf einem Berg von Jahwe die Tafeln mit den Zehn Geboten. Mohammed empfing auf einem Berg in der Nähe von Mekka die Offenbarung des Propheten.
Die äußere Wirklichkeit der Bergwelt im Zustand der ersten Natur liefert den Grundstoff für ihre Nachbildung in einer modell- und zeichenhaften Form. Indem Menschen anfingen, ihre Empfindungen zu interpretieren, ihre Umgebung zu struckturieren, eröffnete sich ein Gestaltungsakt, der sich seitdem immer weiter verzweigt. Vom Menschen und für den Menschen gemacht, findet er sich in seinen Gebilden wieder.
Geometrische Berge schufen die Azteken inmitten ihrer Stadtanlagen. Die Priesterkaste erhob sich zu Mittlern der Götter und thronte in inszenierten Brennpunkten über der ausgebreiteten Stadt. Die steil emporragenden Pyramidenspitzen demonstrierten sichtbare Endpunkte selbst geschaffener Anlagen. Doch in ihrer eigentlichen Bestimmung waren sie nur Bindeglieder und Mittler zu einer unsichtbaren machtvollen Welt.
Mittelalterliche Felsenburgen wurden wiederum als strategische und wehrhafte Orte konzipiert. Schirmartig strahlte von ihnen auf die Umgebung militärische Gewalt aus. Die verwachsenen Gesteinsgebilde erschufen als Hochpunkte ein neues Verständnis der Souveränität. Die Möglichkeit der territorialen Unterwerfung und Kontrolle, wie auch die Kehrseite, die Verlockung im Ansturm der Burgberge, machten diese zu düsteren Trophäen in materialistischer Auseinandersetzung.
Zugunsten einer artifiziell- ästhetischen Dimension haben zenbuddhistische Mönche eine Beziehung zum Berg erschlossen und in Sinn verwandelt. Kniend sinnieren sie bis heute in geistiger Versenkung vor einem eingefassten Bereich, indem Miniaturfelsen stehen, die sich aus einem fein gerippten Kiesbett wie Inseln erheben. Unerreichbar fern und übernatürlich schön wirken die Steine. Faszinierend ist, dass die handliche Miniatur nichts von der gewichtigen Bedeutung ihres großen Vorbildes eingebüßt hat. Der unmittelbare Vorgang der Sinnsuche ist jedoch ein anderer, indem der Blick sich scheinbar in das Innere des Gesteins treibt. Dieser fixierende Blick konnte erst möglich werden, indem der einzelne Stein aus seiner ursprünglichen Umgebung herausgenommen und in einer vereinfachten Anordnung arrangiert wurde.
Eine vergleichbare Technik des Fokussierens birgt die christliche Liturgie in der Anbetung der Heiligen. Jedoch der Geist der frühen Neuzeit entzauberte in Europa die christlichen Lebensformen des Mittelalters, die Rituale, Bildnisse, Feste und heiligen Verrichtungen. Das Glaubenssystem konkurriert gegen ein verstärktes Bedürfnis nach Wissen und Haben. Die Folge war die metaphysische Ernüchterung. Zuflucht und Projektionsfläche für Empfindungen und Sehnsüchte fand sich später in einer neuen religiösen Inspirationsquelle, die einer beseelten Natur. Die Vorstellungen entfalteten sich mit der Idee des Romantisierens. Sie basiert auf der Aufladung alltäglicher Lebenstätigkeit mit poetischer Bedeutsamkeit. Allein die Poesie bringt eine eigentümliche Schönheit und Gestaltungskraft hervor. Die Natur mit ihren Gebirgsketten, Gipfeln, Schluchten und Tälern wurde neu gesehen. In den geologischen Formgebungen spürten die Vertreter der Romantik Kontingenz und das Unendliche des Universums. Mit künstlerischer Lust steigerte man sich empathisch über die sprachliche Mitteilbarkeit hinaus ins Halluzinieren des Magischen und Mythischen hinein.
Caspar David Friedrich inszeniert in dieser Zeit Felsmotive in einer idealisierten Naturkulisse. Seine Sehnsüchte der Aneignung und Anschauung richteten sich auf den Horizont, auf das Schemenhafte in der Ferne und auf die mythische Tiefe der Zeit. Erhabenheit und Wehmut mischen sich, um es mit Sloterdijk zu formulieren, in einem Überlebenskandidaten, der den Spiel- und Überraschungsraum überblickt. In jenem tatbereiten Beobachter und Interpreten der Welt erkennt sich das Individuum selbst. Der Fels ist nicht mehr nur der Natur entlehnt, sondern geistiges und existenzielles Fundament eines Erhöhten, dem die Welt zu Füßen liegt. Eine Welt mit dem Wunsch ihrer romantischen Veränderung. Die Romantik als Epoche ist vergangen, das Romantische als Geisteshaltung aber ist geblieben.
Eine kognitive und zugleich sinnliche Aneignung des Felsens erlebte bereits um 1200 der Dichter Walther von der Vogelweide. Das überlieferte Bild sowie die Zeilen zeigen auf eine poetische Weise, wie der Geist über den Körper mit dem Gegenstand in Beziehung tritt. In der anmutigen Gebärde verschränkt sich Selbsterkenntnis und Verkündung im Dichter auf dem Stein.
Ich saß auf einem Stein
und schlug ein Bein über das andere.
Darauf setzte ich den Ellbogen.
Ich hatte mein Kinn und meine eine Wange
in meine Hand geschmiegt.
In dieser Stellung dachte ich angestrengt darüber nach,
wie man sich auf der Welt verhalten solle.
Dimension: H 75cm, B 80cm
Über die Berge
Ein Sportgelände vor einem blauem Himmel, eine Gegend, die wir durchqueren und ermessen können, eine Naturkulisse, die Wahrnehmung und Geist tröstet – diese Vorstellung verbindet sich heute für viele mit dem Begriff eines Berges. An dieser Zweckbestimmtheit gemessen, mutet der Berg ziemlich profan an, beinahe wie ein stilistisches Werbephänomen, das man als Möglichkeit wählen oder ablehnen kann.
In kulturhistorischer Betrachtung sind es die vorgefundenen Eigenschaften und Abläufe in der Natur, die die Menschheit in einem Modell- Zeichen- und Deutungssystem verwandelte. Als wuchernde Konstruktionen prägen sie seitdem unsere Lebensverhältnisse. Mit dem Rückgang der Religionen schwindet die unmittelbar symbolische Identifikation. Jedoch entstand mit der Umwandlung des Naturraumes in einen Kulturraum ein Eigenleben, das geradezu triebhaft Sinnsuche betreibt. Eine Suche, die das Individuum in die unzähligen Möglichkeiten seiner Existenz begleitet. Unser Raum ist und bleibt voller Stilblüten der Einbildung, welche subversiv und über die Kanäle des Unbewussten das einmal Erfahrene kombiniert und immer wieder neu an die Oberfläche drängt. Anders gesagt: Unsere Vorstellung des Berges besteht aus schlummernden Variablen und Konstanten, welche zur Reaktivierung neuer Bedeutungsverbände bereit stehen.
Der Berg erlangte seine archaische Bedeutung über die Monumentalität. Das Monumentale stellt massenhaft Materie bereit, die als beeinflussendes Phänomen erfahren wurde in ihren Aspekten der Verdichtung und Entladung, des Wachstums und der Ausrichtung, der Erregung und der Gleichheit, wie wir bei Canetti lesen. Das Gegenstück zur Masse ist die Oberfläche, dessen Komplexität anregt, sie nach Sinn und Geschmack auszulegen. Beide Definitionen sind in einer extremen Form in der Vorstellung des Berges vereint. Die bizarre Erhebung aus der Horizontalen hat sich als Zeichen eingeprägt. Als überbordende Erscheinung und schlichtweg größter Baustein der Landschaft wirft der Topos das Potential einer ganzen Welt auf. Erscheint eine Raumordnung anzuführen, denn allein seine Größe bewahrt Gestalt im Auf und Ab, im Gewimmel des Gegenständlichen. Wer seine Dimension versucht zu erfasssen, spürt ungeheuerliches, weil eine klare Vorstellung unmöglich ist. Der Berg wirkt übermächtig und zugleich ist eine innerliche Größe und Erhabenheit spürbar, ausgelöst durch den Eindruck des unbeschadeten Erlebens.
Für die Ureinwohner Nord- und Südamerikas, Afrikas und Australiens ist der Berg der Wohnort der Götter. Die Buddhisten kennen neben den vielen von Göttinnen bewohnten Himalajagipfeln vor allem den heiligsten Berg Kailash, zu dem auch die Hindus und die Anhänger der tibetischen Bön-Religion pilgern. Die ehemals zentrale Stellung in den Glaubensvorstellungen wird begreiflich vor der Ohnmacht und dem Abhängigkeitsgefühl undurchsichtiger und plötzlich einbrechender Ereignisse. In einem zürnenden Gott, der sich an einem letztmöglich vorstellbaren Ort aufhält, fand man eine Erklärung. Das letztmögliche Orte auch Schauplätze übernatürlicher Vorgänge sind, ist nur eine Weiterführung der Logik. Christus wurde auf einem Berg vom Teufel verführt und fand am Ölberg die Kraft für seinen Opfertod. Moses erhielt auf einem Berg von Jahwe die Tafeln mit den Zehn Geboten. Mohammed empfing auf einem Berg in der Nähe von Mekka die Offenbarung des Propheten.
Die äußere Wirklichkeit der Bergwelt im Zustand der ersten Natur liefert den Grundstoff für ihre Nachbildung in einer modell- und zeichenhaften Form. Indem Menschen anfingen, ihre Empfindungen zu interpretieren, ihre Umgebung zu struckturieren, eröffnete sich ein Gestaltungsakt, der sich seitdem immer weiter verzweigt. Vom Menschen und für den Menschen gemacht, findet er sich in seinen Gebilden wieder.
Geometrische Berge schufen die Azteken inmitten ihrer Stadtanlagen. Die Priesterkaste erhob sich zu Mittlern der Götter und thronte in inszenierten Brennpunkten über der ausgebreiteten Stadt. Die steil emporragenden Pyramidenspitzen demonstrierten sichtbare Endpunkte selbst geschaffener Anlagen. Doch in ihrer eigentlichen Bestimmung waren sie nur Bindeglieder und Mittler zu einer unsichtbaren machtvollen Welt.
Mittelalterliche Felsenburgen wurden wiederum als strategische und wehrhafte Orte konzipiert. Schirmartig strahlte von ihnen auf die Umgebung militärische Gewalt aus. Die verwachsenen Gesteinsgebilde erschufen als Hochpunkte ein neues Verständnis der Souveränität. Die Möglichkeit der territorialen Unterwerfung und Kontrolle, wie auch die Kehrseite, die Verlockung im Ansturm der Burgberge, machten diese zu düsteren Trophäen in materialistischer Auseinandersetzung.
Zugunsten einer artifiziell- ästhetischen Dimension haben zenbuddhistische Mönche eine Beziehung zum Berg erschlossen und in Sinn verwandelt. Kniend sinnieren sie bis heute in geistiger Versenkung vor einem eingefassten Bereich, indem Miniaturfelsen stehen, die sich aus einem fein gerippten Kiesbett wie Inseln erheben. Unerreichbar fern und übernatürlich schön wirken die Steine. Faszinierend ist, dass die handliche Miniatur nichts von der gewichtigen Bedeutung ihres großen Vorbildes eingebüßt hat. Der unmittelbare Vorgang der Sinnsuche ist jedoch ein anderer, indem der Blick sich scheinbar in das Innere des Gesteins treibt. Dieser fixierende Blick konnte erst möglich werden, indem der einzelne Stein aus seiner ursprünglichen Umgebung herausgenommen und in einer vereinfachten Anordnung arrangiert wurde.
Eine vergleichbare Technik des Fokussierens birgt die christliche Liturgie in der Anbetung der Heiligen. Jedoch der Geist der frühen Neuzeit entzauberte in Europa die christlichen Lebensformen des Mittelalters, die Rituale, Bildnisse, Feste und heiligen Verrichtungen. Das Glaubenssystem konkurriert gegen ein verstärktes Bedürfnis nach Wissen und Haben. Die Folge war die metaphysische Ernüchterung. Zuflucht und Projektionsfläche für Empfindungen und Sehnsüchte fand sich später in einer neuen religiösen Inspirationsquelle, die einer beseelten Natur. Die Vorstellungen entfalteten sich mit der Idee des Romantisierens. Sie basiert auf der Aufladung alltäglicher Lebenstätigkeit mit poetischer Bedeutsamkeit. Allein die Poesie bringt eine eigentümliche Schönheit und Gestaltungskraft hervor. Die Natur mit ihren Gebirgsketten, Gipfeln, Schluchten und Tälern wurde neu gesehen. In den geologischen Formgebungen spürten die Vertreter der Romantik Kontingenz und das Unendliche des Universums. Mit künstlerischer Lust steigerte man sich empathisch über die sprachliche Mitteilbarkeit hinaus ins Halluzinieren des Magischen und Mythischen hinein.
Caspar David Friedrich inszeniert in dieser Zeit Felsmotive in einer idealisierten Naturkulisse. Seine Sehnsüchte der Aneignung und Anschauung richteten sich auf den Horizont, auf das Schemenhafte in der Ferne und auf die mythische Tiefe der Zeit. Erhabenheit und Wehmut mischen sich, um es mit Sloterdijk zu formulieren, in einem Überlebenskandidaten, der den Spiel- und Überraschungsraum überblickt. In jenem tatbereiten Beobachter und Interpreten der Welt erkennt sich das Individuum selbst. Der Fels ist nicht mehr nur der Natur entlehnt, sondern geistiges und existenzielles Fundament eines Erhöhten, dem die Welt zu Füßen liegt. Eine Welt mit dem Wunsch ihrer romantischen Veränderung. Die Romantik als Epoche ist vergangen, das Romantische als Geisteshaltung aber ist geblieben.
Eine kognitive und zugleich sinnliche Aneignung des Felsens erlebte bereits um 1200 der Dichter Walther von der Vogelweide. Das überlieferte Bild sowie die Zeilen zeigen auf eine poetische Weise, wie der Geist über den Körper mit dem Gegenstand in Beziehung tritt. In der anmutigen Gebärde verschränkt sich Selbsterkenntnis und Verkündung im Dichter auf dem Stein.
Ich saß auf einem Stein
und schlug ein Bein über das andere.
Darauf setzte ich den Ellbogen.
Ich hatte mein Kinn und meine eine Wange
in meine Hand geschmiegt.
In dieser Stellung dachte ich angestrengt darüber nach,
wie man sich auf der Welt verhalten solle.